Kundenbericht von Janine Scherzer

"Das ist ja wohl nicht Dein Ernst?!", dachte ich, als Thomas mit seiner Dominator auf die mit ein paar Seilen befestigte Hängebrücke zusteuerte.

Hätte ich vor unserer Tour gewusst, was mich auf Ecuadors Schleichwegen erwartet, wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, mit meiner gerade mal 1½ jährigen Motorraderfahrung 1000km off-road durch die Anden und den Dschungel zu kurven...

Aber gerade diesem Leichtsinn habe ich zweifellos eines der
faszinierensten Abenteuer meines Lebens zu verdanken!

Alles nahm in Eucadors Hauptstadt Quito seinen Anfang, als ich in meiner Sprachschule ein Plakat von Enduro - Adventure sah: Als begeisterte Motorradfahrerin war natürlich gleich die Entscheidung gefallen, wie ich meine letzte Urlaubswoche verbringen würde.
Ich war froh, dass ich eine leichte 250er Crossmaschine fahren durfte - bei südamerikanischen Strassenverhältnissen ein geradezu ideales "Frauen-Einsteiger-Motorrad".

Naja, nach ein paar Runden in Thomas Garten machten wir beide schliesslich die Strassen Quitos unsicher, bevor es zunächst auf Kopfsteinpflaster gen Costa ging.
Ich musste ständig darauf achten, bei den traumhaften Ausblicken in die Andentäler, vor lauter Begeisterung nicht von der Strasse abzukommen...

Bei unserem ersten Zwischenstop in einem kleinen Indianerdorf
stärkten wir uns nochmal mit ein paar Chips und Cola - dann sollte es richtig losgehen.
Abseits der Touristenwege kämpften sich unsere Bikes immer
tiefer durch den Urwald.
Die Luftfeuchtigkeit stieg gewaltig und ich merkte, wie mir in meinen Enduroschutzklamotten, die mir Thomas sicherheitshalber geliehen hatte, das Wasser den Rücken runterlief. Um unsere Helme summten
unzählige Insekten
.
Mit offenem Visir zu fahren, war schier unmöglich, es sei denn,
man hatte es auf eine Eiweiss-Einlage abgesehen!

Vor Mindo, wo wir Mittagspause machen wollten, gönnten wir unseren heulenden Maschinen noch eine kurze Rast, um bei der Hitze unseren Flüssigkeitshaushalt noch einmal aufzutanken.
Wir kauften Limo in einer Art "Urwaldkiosk", dass wir in einem Fünf-Häuser-Dorf mit mehr vier- als zweibeinigen Einwohnern fanden.

Etwas skeptisch beäugten wir unsere Glasflaschen: Ob die wohl noch ihren Originalberschluss hatten?!
In Mindo trafen wir eine Gruppe von einheimischen Jungs, die mit riesigen Autoreifen auf dem Weg zum nahegelegenen Wasserfall waren.
Schade, dass uns nicht genug Zeit blieb, auch in der Urwaldoase baden zu gehen - eine Erfrischung hätte gerade gut getan.
Vielleicht bei der nächsten Tour...

Stattdessen bestellten wir uns Forelle mit Reis und stärkten uns vor der letzten langen Etappe zu unserem übernachtungsquartier.

Ich würzte mein Essen mit schieren Pfündern von Aji - einem äusserst scharfen Gewürz, dass in Ecuador auf keinem Tisch fehlt - in der Hoffnung, so die überlebenschancen der zahlreichen, meinem Magen nicht gerade wohlgesonnenen Bakterien stark zu reduzieren.

Über Stück und Stein trainierten wir anschliessend wieder unsere Oberarmmuskulatur. Nach den morschen Brettern der Hängebrücke, die sich selbst bei meiner leichten XR schon beängsigend durchbogen, stärkte sich mein Glauben in die Südamerikanischen Philosophie "nada es seguro, pero todo es possible" (nichts ist sicher, aber alles ist möglich).
Doch kurz vor unserem Ziel währen wir dann beinahe doch mit unserem Latein am Ende gewesen: ein frischer Erdrutsch hatte die Strasse verschüttet.

Nun hiess es einene kühlen Kopf zu bewahren, denn die ganze Strecke zurückzufahren, währe eine Tortur gewesen.
Peinlich genau inspizierte Thomas den Haufen lehmiger Erdbrocken, der uns den Weg versperrte. Schliesslich schien er den geeigneten überweg gefunden zu haben und wir passierten den Erdrutsch.

Während der ganzen Tour zeigten sich uns die schneebedeckten Andengipfel in ihrer majestätischen Schönheit nahezu wolkenfrei.
Kein Wunder, dass viele Indianer die Berge als Sitz der Götter interpretieren!

Eine Sandpiste, auf der sich unsere Maschinen nur noch in schlingernden Wellenlinien fortbewegen konnten, bescherte uns einen Plattfuss, mit Thomas langjähriger Tourenerfahrung eine fast alltägliche Situation.

Ich bemerkte ihn erst in einem kleinen Dorf, als ich auf einer asphaltierten Strasse kaum um die Kurve kam. An einem kleinen Restaurant machten wir Halt, und im nu war der Reifen geflickt.
Ein glücklicher Zufall liess uns sogar noch eine Vulkanerie entdecken und eine Stunde später konnten wir unsere Fahrt fortsetzen.
Die unerwartete Pause wurde sogleich zum Mittagessen genutzt.

Ich bestellte mir nur eine Suppe, da ich zum ersten Mal auf meiner Reise leichte Magenprobleme hatte. In dieser schwammen zar mehr Läuse als Spinatblätter, aber mit Todesverachtung löffelte ich sie aus.
Und wie ein Wunder - danach war ich wieder topfit.

Die letzte Etappe nach Banos waren meist breite kopfsteingepflasterte Wege, und wir kamen zügig voran. Nur wie so oft versperren uns ab und zu freilaufenden Kühe, Schafe oder Hühner den Weg.

Besonders vor den zahlreichen Hunden mussten wir uns in acht nehmen, die ständig versuchten, uns in die Beine zu beissen, direkt vors Motorrad sprangen oder kläffend einen Wettlauf mit unseren Motorrädern veranstalteten.
Sobald man in die Nähe eines Dorfes kommt, springen sie aus jeder Ecke hervor. Aber daran gewöhnt man sich schnell und lernt, richtig zu reagierien.

In Banos nächtigten wir in einem komfortablen Gästehaus mit heisser Dusche (in Ecuador alles andere als an der Tagesordnung!) eine herrliche Entspannung.
Abends wurden wir mit französischer Küche bewirtet und zum Abschluss unseres Stadtbummels kehrten wir noch in einer "serveceria" (wörtlich übersetzt: "Biererie") ein.
Das Bier wurde in Saftkrügen serviert und der Schaum vor dem Servieren mit Löffeln abgeschöpft. Fir einen deutschen Biertrinker wohl etwas abenteuerlich. Zum Glück gab es für mich als Non-Alkoholiker auch Limo.
Bei südamerikanischen Salsaklängen liessen wir den Tag ruhig ausklingen.
Die letzten zwei Tage standen bevor und aus meiner Sicht die landschaftlich schönste Etappe unserer Tour.

Ab Latacunga meisteren wir steile Pisten und wanden uns immer höher in die Anden hinauf. An so mancher Kreuzung fragten wir uns nach dem richtigen Weg, aber Thomas Orientierungssinn führte uns letztendlich doch immer in die richtige Richtung.
Er wollte in Chugchilán, einem gottverlassenen örtchen des westlichen Hochlandes, ein neues Übernachtungsquartier austesten, von dem er kürzlich gehört hatte.
In Pujilí assen wir in einem kleinen Restaurant direkt am Marktplatz zu Mittag, so hatten wir noch Gelegenheit, über einen der farbenprächtigen ecuadorianischen Märkte zu bummeln. Doch dann mussten wir uns sputen, denn es lag noch eine lange Etappe vor uns.

Ca. eine Stunde vor Chugchilán erreichten wir die Lagune Quilotoa, ein faszinierender Kratersee, den die Sonne in geisterhaftes Grün taucht, wenn Ihre Strahlen die Wolkendecke durchtennen. Nur die wenigsten Touristen nehmen die Strapazen einer stundenlangen Busfahrt auf kaum passierbaren Wegen auf sich, um hierher zu gelangen. Denen hatten wir mit unseren Bikes einiges vor.

Umgeben von fast meditativer Stille hielten wir auf unserer Strecke immer wieder an und liessen die Einsamkeit der Berge mit ihren vereinzelten Strohhütten der Hirtennomaden auf uns wirken.
Unsere Unterkunft war besser als erwartet. Ein US-amerikanisches öko-Ehepaar hat mitten in den Bergen wunderschöne Fremdenzimmer errichtet und lebt dort mit zwei Hunden, zwei Lamas, zwei Enten, zwei Schafen und ein paar Schweinen.
Alles passte hier zusammen: die aus Holz und Steine errichteten Häuschen, die Biotoilette, die Dusche mit Blick auf die Berge, die einfach und geschmackvoll, mit typisch ecuadorianischen tapizes (Wandteppichen) eingerichteten Zimmer und nicht zuletzt die beste vegetarische Küche, die ich je gegessen habe. Sogar das Bier war selbst gebraut.

Direkt vor unserem Zimmer eine grosse Holzbank, auf der wir die halbe Nacht verbrachten, um den einmaligen Sternenhimmel bewundern zu können. Unzählige Sternschnuppen flogen durch das All.
So nah zum Weltall hatte ich mich seit dem Himalaja nicht mehr gefühlt. Irgendwann trieb uns dann die Kälte ins Haus, die sich lansam auch durch meinen Otavalo-Poncho aus dicker Lamawolle frass.
Am nächsten Morgen schoss ich noch ein paar letzte Fotos von der märchenhaften Gegend. Der Abschied fiel mir unheimlich schwer und ich schwor mir, eines Tages wiederzukommen.
Nach einem halben Tag Fahrt durch unwegsames Gelände wurde langsam das Benzin knapp, doch von einer Tankstelle war weit uns breit keine Spur. In einem 100-Einwohner-Dorf fragten wir schliesslich den Besitzer eines kleinen Lebensmittelgeschäfts nach "Nahrung" für unsere Enduros und hatten Glück: Aus einem alten Schuppen zauberte er einen Kanister voll Sprit und mit Hilfe einer alten Erbsenbüchse und einem Stück Garenschlauch waren unsere Bikes im Nu wieder fahrbereit. Wir nutzten den Stop zu einer Picknickpause, wozu uns der Ladenbesitzer sogar noch ein paar Stühle vor sein Haus stellte.
Auf die überall anzuftreffende Gastfreundschaft der Ecuadorianer kann man sich verlassen!

Ich inverstierte meine letzten Sucres (Ecuadors sich im Wert ständig ändernde Landeswährung) in ein Brötchen für zwei streundende Hunde, deren flehenden Blicken ich einfach nicht standhalten konnte, dann machte wir uns mit zwischenzeitlichen Sprints entlang der alten Eisenbahnlinie auf den Rückweg nach Quito.
Am nächsten Tag würde schon wieder mein Flieger gen Heimat auf mich warten. Uns so war es dann auch: Mit Tränen in den Augen verabschiedete ich mich von einem wundervollen abwechslungsreichen Land mit freundlichen Menschen und treuen, nicht klein zu kriegenden Motorrädern.